Dieser Beitrag ist bereits in englischer Sprache auf diesem Blog erschienen: Future-relevant competencies | 3 questions to Mario Piacentini – Lernen-Schule-Bildung im 21. Jahrhundert (schule21.blog)

Lieber  Mario Piacentini, was genau verstehen Sie unter „zukunftsrelevanten Kompetenzen“? 

Zukunftsrelevante Kompetenzen befähigen Menschen, ihr Potenzial voll zu entfalten und damit zur nachhaltigen Entwicklung ihrer Lebensumwelt und der Welt insgesamt beizutragen. In unserer Arbeit an der OECD Future of Education and Skills 2030 (LINK) haben wir drei transformative Kompetenzen identifiziert:

  1. Neue Werte schaffen;
  2. Spannungen und Dilemmata in Einklang bringen; und
  3. Verantwortung übernehmen.

Schüler:innen, die lernen, neue Werte zu schaffen, hinterfragen (ihre) Routinen und suchen nach eigenen Lösungen. Diese Aktivitäten helfen ihnen, Verbesserungsmöglichkeiten in ihrem Alltag zu erkennen. Das macht sie bereit für ein Leben als Erwachsene, in dem der Arbeitsmarkt sich verändert und sie sich daran anpassen müssen, in dem sie für andere Arbeitsplätze schaffen und in dem sie – schon jetzt – dazu beitragen, unsere großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu lösen.

Spannungen und Dilemmata in Einklang zu bringen, bedeutet zu verstehen, dass  es immer verschiedene und oft widersprüchliche Ideen und Positionen gibt, und dass es notwendig ist, die Informationen, die man bekommt, kritisch und konstruktiv zu reflektieren und zu hinterfragen. Verantwortung übernehmen zu lernen, bedeutet, sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu werden, nach einem Sinn zu suchen und bereit und befähigt zu sein, so zu handeln, dass man das Leben anderer positiv beeinflussen kann.

Diese drei Kompetenzen bieten Bildungsakteuren einen verlässlichen Kompass bei der Suche nach einer Bildung, die Schüler:innen auf ihre Zukunft vorbereitet und unseren gemeinsamen Bedürfnissen dient. Viele Lehrkräfte sehen es als wichtigen Teil ihre Aufgabe an, ihren Schüler:innen zu helfen, kreativ, offen, kritisch und verantwortungsbewusst zu werden. Es besteht jedoch Uneinigkeit darüber, ob diese übergreifenden Kompetenzen ein primäres Ziel der Schulbildung sein sollten oder eher in der Verantwortung der Eltern liegen. Manche befürchten, dass der Einsatz von Zeit und Ressourcen bei der Entwicklung dieser sogenannten transformativen Kompetenzen Schüler:innen davon abhalten könnte, grundlegende Kompetenzen und Fähigkeiten wie Lesen und Mathematik zu erreichen. Meines Erachtens braucht es hier gar keinen Kompromiss: in der Zeit, die Schüler:innen in der Schule verbringen, können sie sowohl fachliches Wissen im klassischen Sinne erwerben als auch sich als Personen und Persönlichkeiten ganzheitlich weiterentwickeln. Wichtig ist aber in diesem Zusammenspiel, dass Erziehung zur und Vorbereitung der Zukunftsfähigkeit bedeutet, dass Pädagog:innen dafür vorbereitet sein müssen – und es braucht ein System mit ausreichend Ressourcen und Unterstützung auf der systemischen Ebene, um das tatsächlich umzusetzen. Einer der Gründe, warum diese Debatte weiterhin geführt wird, ist, dass wir bisher nicht über qualitativ hochwertige Daten verfügen, was die Entwicklung dieser Kompetenzen bei den Schüler:Innen angeht. Entsprechend gelingt es bisher noch nicht, zu identifizieren, was Schüler:innen für ihre Entwicklung in diesen Kompetenzen genau brauchen (ohne dabei den Erwerb fachlichen Wissens aus den Augen zu verlieren).

Wird sich der Schwerpunkt von PISA in den kommenden Jahren von den zentralen Leistungsdimensionen auf ein breiteres Verständnis von Kompetenzen verlagern? 

Die weltweiten PISA-Rankings werden vielerorts genutzt, um festzustellen, inwieweit die Bildungssysteme erfolgreich sind. Wir müssen uns daher der Gefahr bewusst sein, dass einige Entscheidungsträger:innen den Schwerpunkt der Schulbildung auf die drei im PISA-Test bewerteten Fächer (Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen) beschränken. Dies ist und war nicht die Absicht von PISA. PISA erhebt keinen Anspruch darauf, all diejenigen Fähigkeiten zu messen, die für die Schüler:innen im 21. Jahrhundert wichtig sind. Textverstehen und die kritische Interpretation eines Textes sowie die Verwendung der Werkzeuge der Naturwissenschaften und der Mathematik, um die Welt zu verstehen, sind zwei Beispiele für wesentliche Kompetenzen, die im nächsten Jahrzehnt durch PISA bewertet werden sollten. Es gibt jedoch noch andere wesentliche Kompetenzen, die den Kern guten Bildung ausmachen, und viele von ihnen erstrecken sich übergreifend über viele Fächer und Aspekte.  Die Herausforderung besteht jetzt darin, dass diese übergreifenden Kompetenzen viel schwieriger zu messen sind z.B. mathematische oder sprachliche Kompetenzen.

PISA muss daher nach Möglichkeiten suchen, den Schwerpunkt zu erweitern, dabei aber seine Qualitätsstandards beibehalten und anerkennen, dass nicht alle Kompetenzen mit einem kurzen, standardisierten Test am Computer gut gemessen werden können. Außerdem sollten andere  Bewertungsmethoden das, was PISA bereits leistet, ergänzen. Seit einigen Jahren versuchen wir, dieses Ziel durch die innovativen PISA-Domänen  zu erreichen – etwa kreatives Problemlösen im Jahr 2012, kollaboratives Problemlösen im Jahr 2015 und globale Kompetenz im Jahr 2018. Im nächsten Jahr wird bei PISA eine Bewertung des kreativen Denkens durchgeführt, die ausschließlich aus offenen Aufgaben besteht, für die es keine vorgegebene, richtige Antwort gibt.

Durch diesen Prozess haben wir ein Bewusstsein dafür entwickelt, wo die Grenzen dessen liegen, was wir mit traditionellen Testmethoden beurteilen können. Wir verstehen nun besser, wie wir Technologie einsetzen können, um Aufgaben zu konzipieren, die authentische Situationen nachbilden und die nicht nur Aufschluss darüber geben, was die Schüler:innen und Schüler wissen, sondern auch darüber, wie sie denken und wie sie lernen, und wie ihre Motivation und ihre Gefühlen ihr Lernen beeinflusst. Für PISA 2025 entwickeln wir eine Bewertung des „Lernens in der digitalen Welt“, die eine mehrdimensionale Beschreibung liefern soll zur der Bereitschaft der Schüler:innen mit digitalen Werkzeugen zu lernen. soll.

In den letzten Jahren haben wir unsere Arbeitsweise verändert, indem wir außerhalb der traditionellen PISA-Welt nach neuen Ideen gesucht haben. Das PISA-Team mit Sitz in Paris ist eher klein, aber wir arbeiten mit einer großen Gruppe von Partnern aus der Zivilgesellschaft zusammen, darunter eine Koalition aus vier deutschen Stiftungen (Bertelsmann Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stiftung Mercator und Deutsche Telekom Stiftung). Dank dieser Institutionen haben wir ein umfassendes Forschungs- und Entwicklungsprogramm (R & D / Research-and-Development-Program) initiiert, das einige der weltweit führenden Expert:innen in den Bereichen Lernwissenschaften, Assessment und Learning Analytics zusammenbringt. Die Kombination aus PISA-Akteuren, der Zivilgesellschaft und verschiedenen Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen hat sich als sehr wirkungsvoll erwiesen. So schaffen wir beispielsweise ein neues System, die Plattform für innovative Lernbewertung (Platform for Innovative Learning Assessment – PILA), die es uns ermöglicht, schnell Prototypen neuer Aufgaben und Technologien entwickeln und diese mit Lehrkräften und Schülern in mehreren Ländern validieren. PILA wird für den Einsatz im Klassenzimmer frei verfügbar sein und Ressourcen enthalten, die Lehrkräfte bei der Verwendung unserer Messrahmen und Open-Source-Technologie unterstützen. Dieses Gemeinschaftsprojekt ist inzwischen im zweiten Jahr – bisher war es eine hochspannende Reise!

Welche Rolle werden soziale und emotionale Kompetenzen dabei spielen?

Soziale und emotionale Kompetenzen sind ein Kern von Zukunftsfähigkeit. Denken wir an das Ziel, die Schüler:innen von heute so auszubilden, dass sie neue Werte schaffen können: Jeder kreative Akt erfordert Neugierde, um sich vorzustellen, was möglich ist, Ausdauer, um mehrere Versuche zu unternehmen, und die Bereitschaft, Feedback einzuholen. Kognitive, soziale und emotionale Fähigkeiten bauen aufeinander auf und definieren, wer wir sind und was wir tun können. Unsere sozio-emotionalen Grundlagen helfen uns auch bei der Bewältigung von Lebensherausforderungen, wie der aktuellen Krise. Die sozio-emotionale Entwicklung ist heute ein Ziel mehrerer nationaler Lehrpläne, und viele Schulen bewerten ihre Schüler:innen nicht mehr nur nach ihren akademischen Leistungen, sondern auch danach, wie gut sie mit anderen zusammenarbeiten, wie sie mit Gefühlen umgehen und nach anderen sozio-emotionale Fähigkeiten entwickeln.

Diese zunehmende Bedeutung erzeugt einen Bedarf an adäquaten Möglichkeiten und Werkzeugen zur Bewertung. Wenn wir sozio-emotionale Kompetenzen nicht messen können, dann werden sie im täglichen Lehren und Lernen nicht den Raum finden, den sie verdienen. Bei PISA und der OECD-Studie zu sozio-emotionalen Kompetenzen geben wir den Schüler:innen eine Reihe von Aussagen und bitten sie einzuschätzen, wie gut diese Aussagen auf sie selber zutreffen. Diese Selbsteinschätzungen beruhen auf Forschungsergebnissen, haben aber ihre Grenzen. Es ist daher wichtig, dass wir mit neuen Methoden experimentieren, bei denen Technologie besonders hilfreich sein kann. Zum Beispiel hat die Forschung zu ausgefeilten Algorithmen geführt, die aus der Mimik den emotionalen Zustand von Studierenden ableiten können. Die Verarbeitung natürlicher Sprache kann uns helfen, aus der automatisierten Analyse von Gesprächen zwischen Studenten wichtige soziale Einstellungen abzuleiten. Es wird einige Zeit dauern, diese Maßnahmen zu entwickeln und in verschiedenen Kontexten zu validieren. Durch die Bündelung von Forschungsanstrengungen und den Austausch von Ideen über Grenzen hinweg kann der Bereich der Bewertung jedoch große Schritte nach vorne machen.

 


Die Bertelsmann Stiftung fördert gemeinsam mit der Deutsche Telekom Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung Mercator im Rahmen des OECD-Projekts „Innovative Domain Assessments in PISA die Entwicklung neuer Messverfahren, die erstmals bei PISA 2025 zum Einsatz kommen. Weitere Informationen: https://www.oecd.org/pisa/innovation/