Frank Wagner im Gespräch mit Anke von Hollen

Herr Wagner, Sie sind Leiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm, die 2019 den deutschen Schulpreis gewonnen hat. Was verstehen Sie an Ihrer Schule unter Zukunftskompetenzen und welche Bedeutung haben sie in Ihrem Unterricht?

Das Fachwissen, das sich Kinder während ihrer Schulzeit aneignen sollen, wächst beständig an und wir Lehrkräfte stehen seit vielen Jahren vor der Frage, wie wir es in der zur Verfügung stehenden Unterrichtszeit überhaupt sicherstellen können, dass die Schülerinnen und Schüler alles Geforderte lernen können. Zugleich verändern sich die Herausforderungen für uns Menschen immer schneller und Schülerinnen und Schüler brauchen dringend weitere Kompetenzen, auch ihre echten Probleme zu lösen. Schulen müssen sich viel stärker als bisher darauf vorbereiten, den Kindern auch diese Kompetenzen mitzugeben.

Die wichtigste Zukunftskompetenz aus der heutigen Perspektive scheint mir Kreativität zu sein, die unbedingt nötig ist, um sich insbesondere den zukünftigen Herausforderungen des Lebens erfolgreich stellen zu können. Ohne gelernt zu haben, wie wir kreativ an die Lösung eines Problems herangehen können, drohen wir in der Zukunft zu scheitern. Aber natürlich gehören auch Zielorientierung, Resilienz, Struktur, kritisches Denken und alles, was z. B. die OECD mit ihrem Lernkompass als solche benennt, dazu. Alle diese Kompetenzen müssen Lehrkräfte heute mitdenken, wenn sie Schülerinnen und Schüler auf ein erfolgreiches selbstbestimmtes Leben während und nach der Schulzeit vorbereiten sollen. Das ist dann weit mehr als nur – um im Bild des Nürnberger Trichters zu bleiben – Wissen in sie hineinfließen zu lassen.

Wir haben für uns an der Schule das Bild eines Dreiklangs entworfen: „Wissen — Was wir wissen“, „Skills — Wie wir Wissen nutzen“ und „Charakter – Wie wir handeln“. Wenn wir mehr Fokus auf die Bereiche „Handeln“ und „Wissen nutzen“ richten wollen, bedeutet das, dass wir für den Bereich „Wissen“ weniger Zeit haben, wir müssen seine Inhalte reduzieren und priorisieren. Kinder müssen heute z.B. nicht mehr wissen, welche Tiere Winterschlaf und welche eine Winterruhe halten. Das finden sie im – wie wir es nennen – externen Gehirn, ihrem Smartphone. Wir lagern deshalb den Erwerb von traditionellem Wissen oder differenziertem Fachwissen eher aus dem gemeinsamen Schulalltag aus und verlagern es ins Projektlernen. Damit gewinnen wir Zeit, um mehr gemeinsam an anderen Kompetenzen wie Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation, richtiges Recherchieren von Informationen oder demokratische Verhaltensweisen mit den Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Denn wenn wir ganz groß denken, daran, dass wir alle auch in Zukunft weiter in einer funktionierenden Demokratie leben wollen, dann müssen Kinder heute demokratische Handlungsweisen direkt erleben, müssen erfahren, dass sie durch ihr Engagement etwas bewirken können. Und sie müssen auch lernen, dass, obwohl sie einen Beitrag leisten, es nicht immer zu einhundert Prozent nach ihrem Willen geht, dass Kompromisse ausgehandelt werden müssen, in denen sie sich mit ihrem Beitrag manchmal kaum wiederfinden können, und dabei erfahren, dass es trotzdem wichtig war, dass sie etwas beigetragen haben.

Wenn Sie den reinen Wissenserwerb reduzieren und fokussieren, wie stellen Sie denn sicher, dass die Kinder das Wesentliche lernen und auch noch Zukunftskompetenzen erwerben?

Wir haben Basiskompetenzen definiert, die jedes Kind beherrschen muss, weil sie die Grundlage sind, um weiteres Wissen zu erwerben. Darunter fällt alles, was wirklich wichtig ist und das während der ganzen Grundschulzeit von Schülerinnen und Schülern immer wieder in Trainingskursen geübt werden kann. Da steht natürlich an erster Stelle das Lesen können und die Beherrschung der Grundrechenarten. Wir zählen auch z.B. eine leserliche Handschrift dazu, die im Moment noch eine große Bedeutung hat, um sich schriftlich mitteilen zu können.

Diese Trainingskurse laufen jeden Tag für 30 Minuten und die Kinder entscheiden selbstständig, welche sie besuchen. Manche Basiskompetenzen lassen sich auch ausgezeichnet durch digitale Angebote trainieren und brauchen gar keine Unterstützung einer Lehrkraft während des Trainingskurses. Bestes Beispiel dafür ist das kleine Einmaleins.

Wenn wir mit den Kindern gemeinsam überlegen, an welchen Basiskompetenzen sie noch weiter arbeiten sollten, stellen wir an den Anfang dieser Überlegungen immer eine Herausforderung, die die Kinder interessiert. Bei diesem problemorientierten Lernen merken die Kinder schnell, welche Basiskompetenzen sie noch ausbauen und welches Wissen sie sich zur Lösung des Problems noch aneignen müssen. Daraus entsteht eine hohe Lernmotivation. So sind schon die Planungen zum Erwerb der Basiskompetenzen mit dem Erwerb von gleich mehreren Zukunftskompetenzen verbunden.

Außerdem hat das Projektlernen bei uns an der Schule eine große Bedeutung. Wir sammeln an einer frei zugänglichen Wand Projektideen, an denen Kinder unter Begleitung einer Lehrkraft arbeiten können. Die Kinder äußern Wünsche, an welchem Projekt sie mitarbeiten möchten. Natürlich können diese Wünsche nicht immer realisiert werden, z. B. wenn ein Projekt sehr stark nachgefragt wird. Die Kinder lernen dabei, mit dieser Art der Frustration gut umzugehen. Gelegentlich greift eine Lehrkraft auch steuernd in die Verteilung ein, wenn es ratsam erscheint, dass ein Kind zunächst an einem anderen Projekt mitarbeitet, um bestimmte Kompetenzen noch weiter auszubauen. Das verlangt Transparenz und eine gute Kommunikation der Lehrkraft mit dem Kind. Dann kann das Kind eine solche Entscheidung auch akzeptieren und positiv für sich wenden.

Die Anforderungen an die Lehrkräfte an der Gebrüder-Grimm Schule zur Umsetzung des Konzepts der Zukunftskompetenzen sind erheblich andere als an Schulen, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen. Können Sie Ihre Anforderungen noch etwas genauer erläutern?

In unserer Vision haben wir beschrieben, dass und wie sich Bildung verändern muss, um einer Gesellschaft gerecht zu werden, in der traditionelles Wissen stark an Bedeutung verliert und in der das Lösen von Problemen und Herausforderungen einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Um die Zeit dafür zu schaffen, arbeitet das Kollegium bei uns an der Schule schon lange eng zusammen, sucht gemeinsam nach Stellschrauben, die noch genutzt werden können, um sich gegenseitig erfolgreich und als Gewinn für den Lernprozess der Kinder zu entlasten. Wir haben gemeinsam die Basiskompetenzen definiert und Lernangebote dafür unter Einbezug von digitalen Tools geschaffen. Gerade denken wir darüber nach, dass nur einzelne Kolleginnen oder Kollegen im Sinne einer Mentorenschaft den Hut für bestimmte Wissensbereiche aufsetzen.

Wir haben an der Gebrüder-Grimm-Schule das jahrgangsübergreifende Lernen eingeführt. Insbesondere die Trainingskurse stehen allen Jahrgängen immer wieder offen, solange, bis ein Kind die dort zu erlernenden Kompetenzen wirklich sicher beherrscht. Darauf müssen sich Lehrkräfte immer wieder neu einlassen können. Nicht nur deshalb kommt der Haltung der Lehrkräfte bei uns an der Schule eine besondere Bedeutung zu. Sie muss auf echter Wertschätzung der Schülerinnen und Schüler gründen und jederzeit deren Potentialentfaltung zum Ziel haben. Die Lehrkräfte benötigen dafür Begeisterung für die Themen und auch für die Kinder, die sie im Lernprozess begleiten.

Uns geht es darum, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ihre Talente zu finden und die Kinder daran arbeiten zu lassen. Wir wollen die Neugier in den Kindern erhalten und eine Motivation zum beständigen Weiterlernen entfachen. Deshalb dürfen wir sie nicht einengen, sondern müssen offen sein für ihre Ideen. Lehrkräfte müssen sich in der Interaktion mit Kindern stärker in die Rolle von Lernbegleitern und Lernberatern begeben. Dafür müssen sie lernen, weniger Antworten zu geben und mehr Fragen zu stellen. Das können wir oft noch nicht gut genug. Wir müssen ein Gespür entwickeln, was ein einzelnes Kind wirklich interessiert, was es begeistert und daran dann mit dem Kind gemeinsam versuchen sein ganzes Potential zu entfalten.

Und Lehrkräfte müssen noch mehr lernen, authentisches Lob, ohne einen heimlichen Lehrplan im Hinterkopf, zu geben, z. B. für die Produkte, die am Ende eines Lernprozesses stehen und woran das Kind seine Selbstwirksamkeit am besten spüren kann. Ein authentisches Lob für den eigenen Beitrag spornt die Schülerinnen und Schüler richtig an. Und Erfolg macht süchtig. Das gilt für Erwachsene, aber ganz besonders für Kinder.

Herzlichen Dank für den Einblick in die Angebote der Gebrüder-Grimm-Schule und den Überblick über die Struktur und die Haltung, die dahintersteht, Herr Wagner.

Mehr über die Schule finden Sie hier, zum Gewinn des Deutschen Schulpreises 2019 hier.