Lernbegleitung ist ein Begriff, der immer häufiger auftaucht in der Debatte rund um die Veränderung von Schule und Lernen. Gerade an bekannten Good Practice-Schulen bezeichnen sich Lehrkräfte immer häufiger als Lernbegleiter:innen. Aber was steckt hinter diesem Begriff und was bedeutet es Lernbegleiter:in zu sein?

Gute Bildung gestalten

Das Konzept von Lernbegleitung ist eng verbunden mit der Veränderung schulischen Lernens hin zu offenen und selbstorganisierten Lernformen. Viele Schulen setzen sich derzeit intensiv damit auseinander, wie sie Lernprozesse in dieser Hinsicht umgestalten können. Dabei geht es um viele verschiedene Aspekte, die diesen Wunsch nach Veränderung auslösen:

  1. Welche Kompetenzen benötigen Schüler:innen eigentlich in Zukunft, um in einer unsicheren und sich rasant verändernden Welt resilient zu sein und aktiv gesellschaftliche Herausforderungen lösen zu können? Selbstlernkompetenz ist in diesem Kontext eine Kernkompetenz, die schon heute und vor allem in der Zukunft zentral ist, um in unserer Welt bestehen zu können. Es geht aber auch um diverse Zukunftskompetenzen – die Rede ist hier oft von Kompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, Kritisches Denken und Kreativität.
  2. Gleichzeitig stehen zentrale Fragen der Chancengerechtigkeit und der individuellen Potentialentfaltung im Raum: Wie können wir alle jungen Menschen bestmöglich dabei unterstützen, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, ihre Stärken und Potentiale kennenzulernen und zu nutzen, um ein selbstbestimmtes und selbstwirksames Leben zu führen?
  3. Dabei ist die wissenschaftliche Perspektive auf gelingende Lernprozesse relevant: Was macht gutes Lernen aus – und wie schaffen wir es, das im schulischen Alltag zu leben?

Lernen im eigenen Tempo und Projektorientierung

An Schulen, die sich bereits mit den Themen Lernbegleitung und offene Lernformen auseinandersetzen, zeigt sich: Die Richtung, in die wir uns bewegen, ist eindeutig – in der konkreten Umsetzung gibt es hier jedoch eine große Vielfalt an Möglichkeiten, die Schulen für sich entwickeln. Es wird deutlich, dass es eine stärkere Individualisierung von Lernprozessen braucht. Denn Lernen im eigenen Tempo ermöglicht es, heterogenen Lerngruppen besser gerecht zu werden. Aber auch Selbstlernkompetenz müssen Schüler:innen erst lernen und dafür ist es entscheidend, dass Schulen diese trainieren. Außerdem ist ein stärkerer Fokus auf Handlungs- und Projektorientierung wichtig, um Zukunftskompetenzen zu fördern.

Auch wenn natürlich einige dieser Aspekte in Ansätzen bereits an vielen Schulen umgesetzt werden, so zeigt sich doch immer wieder: In den grundlegenden Strukturen von Unterricht und Schule sind Formate wie Lernen im eigenen Tempo und Projektorientierung meist zu wenig vertreten und häufig hängen sie von individuellen Bemühungen einzelner Lehrkräfte ab, die nicht selten in Frustration und Überforderung münden.

Den Lernkulturwandel gestalten

Die Forderung wird deshalb immer lauter, dass es einen Lernkulturwandel braucht. Dieser Begriff ist deshalb so passend, weil er mit dem Kulturbegriff an die Basis geht: Wenn wir schulisches Lernen wirklich umgestalten wollen, dann braucht es mehr als ein paar Anpassungen. Es braucht eine Veränderung dessen, wie wir Lernprozesse und alle damit verbundenen Rahmenbedingungen grundsätzlich angehen und welche Haltungen wir in diesem Prozess einnehmen. Viele Schulen, seien es Deutsche Schulpreis-Schulen oder die Good Practice-Schulen des Projektes „UnLearn School – Auf dem Weg zum Lernen der Zukunft„, erproben hier vielfältige Konzepte und zeigen, dass es anders geht und wie es aussehen kann.

Vom fremdgesteuerten zum selbstorganisierten Lernen

Um zu verstehen, worum es bei der Öffnung des Lernens geht, hilft die folgende Skala zur Öffnung von Lernprozessen. An einem Ende steht das fremdgesteuerte und am anderen Ende das selbstorganisierte Lernen.

 

Beim fremdgesteuerten Lernen sind alle denkbaren Elemente vorgegeben. Schüler:innen agieren in komplett vorgegebenen Situationen ohne Spielraum, eigene Entscheidungen zu treffen oder individuelle Wege zu wählen. Auch wenn mittlerweile kaum noch Unterricht ausschließlich so abläuft, sind dennoch bis heute noch viele Unterrichtssituationen von fremdgesteuerten Phasen oder Aspekten geprägt, in denen die Schüler:innen in komplett vorgegebenen Situationen ohne Spielraum agieren.

Am anderen Ende findet sich das selbstorganisierte Lernen. Zentral dafür ist der Umstand, dass überfachliche Kompetenzen in den Mittelpunkt des Lernens rücken, allen voran die Selbstlernkompetenz. Die Lernenden setzen ihre Kompetenzziele selbst, um sie dann anhand ebenfalls selbstgewählter Inhalte zu vertiefen und einzuüben. Das selbstorganisierte Lernen in seiner extremsten Form ist sozusagen frei von allen Vorgaben. Damit zeigt sich aber auch schnell, dass die Anforderungen, die wir als Gesellschaft an Schule haben, es gar nicht sinnvoll erscheinen lassen, in Schule ausschließlich selbstorganisiert zu lernen – eine Öffnung dorthin ist aber durchaus wünschenswert und wird beispielsweise mit Formaten wie dem FREI DAY bereits an vielen Schulen umgesetzt.

Eine Annäherung an solche sehr offenen Lernsettings des selbstorganisierten Lernens kann in ganz verschiedenen Ausprägungen stattfinden. Zwischen den beiden Polen, also in der Mitte auf der Skala, wird es auch besonders spannend, wenn es um die Frage geht, wie sich Lernen in Schule verändern sollte. Wir verwenden für die vielen verschiedenen Zwischenstufen den Begriff des selbstgesteuerten Lernens. Hier sind die Ziele und Inhalte größtenteils vorgegeben, andere Ebenen der Lernsettings werden aber geöffnet. Dazu gehört unter anderem eine Beteiligung der Schüler:innen an der Auswahl von Inhalten, Methoden, Materialien, Lernorten oder auch Lernzeiten. Die Alemannenschule Wutöschingen ist hier ein viel genanntes Beispiel, aber auch die Freiherr-vom-Stein-Schule Neumünster bietet hier spannende Einblicke. Diese und viele weitere Schulen zeigen, wie Schüler:innen zunehmend mehr Verantwortung für die Entscheidungen über ihren eigenen Lernprozess übernehmen.

Lernbegleitung als Kernelement offener Lernformen

Diese veränderten Lernsettings haben selbstverständlich auch zur Folge, dass sich Rollen verändern, sowohl die der Schüler:innen, die viel mehr Eigenverantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen, als auch die der Lehrkräfte. Die Lehrkraft spielt weiterhin eine zentrale Rolle im Lernprozess – nur eben eine andere als in stark fremdgesteuerten Lernsettings. Der oder die Lernbegleiter:in unterstützt die Lernenden individuell in ihrem eigenen Lernprozess. Dabei legt sie den Fokus verstärkt auf die Frage: Wie kann der oder die Lernende sich eigenständig Ziele setzen, Lösungswege entwickeln und im Prozess selbstgesteuert Kompetenzen erlangen?

Die Rolle der Lehrkraft verändert sich dadurch hin zu einer unterstützenden, coachenden, moderierenden und beratenden Tätigkeit. Ein:e Lernbegleiter:in unterstützt Schüler:innen dabei, die Freiheiten offener Lernformen verantwortungsvoll zu nutzen, den eigenen Lernprozess selbstbestimmt zu gestalten und entsprechende Hilfestellungen zu geben. Das bedeutet ebenso, dass die fachliche Rolle der Lehrkraft stärker in den Hintergrund rückt. Beziehungsgestaltung, Diagnostik und individuelles Coaching hingegen nehmen mehr Raum ein. Da dies viele Kompetenzen und Tätigkeitsfelder bereithält, die im Lehramtsstudium und Referendariat häufig wenig Beachtung finden, ist hier im Rahmen der Umsetzung ein wichtiger Aspekt die Fortbildung von Lehrkräften. Viele Schulen nutzen beispielsweise systemische Coachingausbildungen zur Weiterqualifizierung. Es gibt aber auch zunehmend Angebote, die die Lernbegleitungsrolle adressieren und in die verschiedenen Rollen- und Tätigkeitsaspekte einführen.

Lernbegleitung als Konzept für die ganze Schule

Es macht natürlich einen großen Unterschied, ob der Rollenwandel von der Lehrkraft hin zur Lernbegleitung schulübergreifend gestaltet wird oder ob einzelne Lehrkräfte sich hier auf den Weg machen. Beides ist wichtig, denn in jeder Schule braucht es auch Vorreiter:innen – das volle Potential lässt sich aber nur dann ausschöpfen, wenn schulorganisatorische Rahmenbedingungen so verändert werden, dass Lernen im eigenen Tempo, Lerncoaching und Projektlernen ganzheitlich und umfassend möglich sind. Denn Lernkulturwandel funktioniert nur, wenn alle Beteiligten Teil dieses Wandels sind.


Literatur

Holle, Judith; Zierer, Teresa; Adam, Björn (2023): UnLearn School – Auf dem Weg zum Lernen der Zukunft (unveröffentlicht). Lüneburg, beWirken gGmbH.

Perkhofer-Czapek, Monika (2016): Lernbegleiter/in und Lernbegleitung. In: Begleiten, Beraten und Coachen – Der Lehrerberuf im Wandel. Wiesbaden, Springer Fachmedien, S. 61-97.

Sauter, Werner (2014): Der Weg zum selbstorganisierten Lernen, in: Blended Solution’s Blog – Blog für innovative Lernlösungen in Verbindung mit Social Media.

 

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