Von der Potsdamer Erklärung zum Innovationskongress Oberstufe 2024 

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass Friedemann Stöffler an dieser Stelle Die Potsdamer Erklärung für ein zukunftsfähiges Abitur vorgestellt und erläutert hat. Seither ist viel passiert, was uns sehr zuversichtlich stimmt hinsichtlich einer zeitgemäßen Entwicklung der gymnasialen Oberstufe. Gerne möchten wir annehmen, dass die Potsdamer Erklärung und die daraus folgenden Prozesse ihren Anteil daran hatten. Zweifelsohne hat die überwältigende Resonanz, die Schulpraktiker, SchülerInnen-, Elternverbände sowie Bildungsorganisationen und -verbände sowie zahlreiche Einzelpersonen durch Unterzeichnung der Erklärung erzeugt haben, den Handlungsdruck deutlich erhöht. Die eigentliche Arbeit jedoch beginnt nun erst. Das soll in den folgenden Zeilen erläutert werden. 

Warum eine Veränderung der gymnasialen Oberstufe?

Dass Bewegung in die Organisation der Oberstufe kam, war zunächst nicht der Initiative von Lehrerinnen und Lehrern sowie Schulleitungen oder einer Initiative wie unserer an der Basis zu verdanken. Zwar hatten diese allesamt schon lange erkannt, dass viele in der Praxis gewonnenen Erfahrungen über eine veränderte Lernkultur in der Sekundarstufe I einen jähen Bruch erfuhren, wenn der Übergang in die Sekundarstufe II anstand, aber es war eine formaljuristische Klärung des Bundesverfassungsgerichtes, die eine Reaktion der KMK erforderte. In einem Urteil vom 19. Dezember 2017 hatte das Bundesverfassungsgericht die Kultusministerkonferenz aufgefordert, für mehr Vergleichbarkeit beim Abitur zwischen den Ländern zu sorgen. Dabei ging es in erster Linie um das offenbar „ungerechte“ Verfahren zur Vergabe von Studienplätzen zum Medizinstudium auf Basis von Abiturdurchschnittsnoten. In ihrer Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung (Beschluss der KMK vom 07.07.1972 i. d. F. vom 16.03.2023) ist die KMK diesem Auftrag nachgekommen und hat diverse Standards präzisiert, ohne jedoch richtungsweisende inhaltliche Kurskorrekturen vorzunehmen. Ob damit letztlich dem Anspruch des Bundesverfassungsgerichtes genüge getan worden ist, darf durchaus bezweifelt werden. So ist eine Vergleichbarkeit wahrscheinlich eine Utopie. Unbestritten ist aber sicherlich, dass auf dieser Regelungsebene für mehr Einheitlichkeit gesorgt wurde.

Was tut das Bündnis für ein zeitgemäßes Abitur?

Ein Innovationsmotor oder ein Qualitätsschub ist der KMK mit der Vereinbarung jedoch nicht gelungen. Dass dies auch gar nicht das Bestreben und Selbstverständnis war, zeigt ein von der Initiative Flexible Oberstufe und dem Bündnis für ein zeitgemäßes Abitur deutlich verbalisiertes und verschriftlichtes Manko in der Bildungsrepublik Deutschland auf. Es gibt kein Bundesforum, welches partizipativ und visionär inhaltlich Aussagen zur Bildungslandschaft macht. Die KMK verweist auf die Länderhoheit und betont – auch nicht zu Unrecht –, dass auf dieser Ebene die eigentliche Ausgestaltung der Vereinbarungen erfolgen müsse. Dies haben wir als Bündnis für ein zeitgemäßes Abitur als Auftrag verstanden, einerseits dem Schulausschuss der KMK unsere Vorschläge zu präsentieren und gleichzeitig auf Länderebene, in Kommunen sowie in Schulen vor Ort tätig zu werden. Dass der Schulausschuss der KMK uns hierfür ein bemerkenswertes Zeitfenster eingeräumte, muss positiv erwähnt werden. 

Insgesamt waren wir in der Delegation des Bündnisses äußerst angetan, von der Ernsthaftigkeit und Offenheit mit der unsere Vorschläge im Schulausschuss aufgenommen, hinterfragt und diskutiert wurden. Weit über drei Stunden haben wir an einem Freitagnachmittag in Potsdam getagt. Es ging uns in erster Linie darum, zu zeigen, dass richtungsweisende Veränderungen möglich sind, ohne dass etablierte Verfahren über Bord geworfen werden müssen. Nichts spricht gegen ein standardisiertes Prüfungsverfahren mit Aufgaben aus einem Pool. Vieles allerdings dafür, dass diese Formate dringend ergänzt werden müssen, um alternative Zugänge, die im Sinne der 21st Century Skills weitere Kompetenzen der Abiturientinnen und Abiturienten sicht- und auch bewertbar machen. Somit konnten wir deutlich machen, dass durch entsprechende Maßnahmen der höchste deutsche Schulabschluss eine notwendige qualitative Aufwertung erfahren könnte, was wiederum der stärkste Motor für eine Veränderung der Lernkultur innerhalb der Oberstufe wäre.

Gleichwohl wurde im Rahmen der Diskussion deutlich, worin ein großes Problem der KMK besteht. Entschlüsse erfordern eine Einstimmigkeit. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt sein, dass auch an oben genanntem Gespräch nicht aus allen Bundesländern Vertreterinnen oder Vertreter teilgenommen haben. Dass sich die KMK inzwischen einem Revisionsprozess unterzogen hat und in diesem Rahmen auch das Format „Einstimmigkeit“ hinterfragt, ist ein lobenswerter und notwendiger Schritt. Dass die Kultusministerkonferenz ihre Bereitschaft erklärt hat, sich „an Dialogformaten der Initiative „#NeustartBildungJetzt“ zu beteiligen“, wie eine Pressemitteilung vom 16.05.2024 verlauten lässt, zeigt zudem, dass die vielen inhaltlich konstruktiven Kräfte innerhalb der Gremien, die auch wir vor Ort kennenlernen durften, zunehmend die gestalterische Verantwortung der KMK für die Weiterentwicklung des Bildungsstandortes erkennen. Das sind allesamt positive Signale.  

Diese hat das Bündnis sowie die Initiative auch auf Länderebene wahrgenommen und sich daher breit aufgestellt und agiert seither auf unterschiedlichen Ebenen. Unser Team hat deutschlandweit Einzelschulen beraten und etwa im Rahmen von pädagogischen Tagen mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort an individuellen Entwicklungsbausteinen zur Gestaltung der Oberstufe gearbeitet (und tun dies auch weiterhin). In vielen Bundesländern haben Partner aus dem Bündnis Tagungen durchgeführt, an denen wir in unterschiedlichen Formaten Angebote gemacht haben. Stellvertretend seien etwa die Landestagung der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) in Lübeck, das Münsteraner Lernforum für Schulentwicklung, die GEW-Tagung in Hannover oder der Bundeskongress der GGG in Dresden genannt. Zudem haben wir diverse Online-Workshops durchgeführt etwa zu den Themen „Schulzeitstreckung“, „Additives Abitur“ oder „Alternative Prüfungsformate“. Weitere Details finden sich auf unserer Homepage. Immer stoßen wir in unseren Veranstaltungen auf Kolleginnen und Kollegen mit einer hohen Motivation, Dinge zu ändern und mit vielen plausiblen und praktikablen Ansätzen, die bereits jetzt umsetzbar sind. Gleichzeit wurde der Wunsch nach strukturellen Änderungen, die eine rechtliche Unterfütterung erfordern, überdeutlich. 

Aktuelle Entwicklungen auf dem Weg zu einer veränderten Oberstufe

Umso erfreulicher, dass in vielen der Veranstaltungen auch immer wieder Vertreterinnen und Vertreter aus den einzelnen Ministerien zugegen waren und konstruktiv mitdiskutierten. Genau hier liegt der Spielball nun, in den Ministerien der Länder, deren Auftrag es ist, die KMK-Verordnung auf Länderebene zu interpretieren. Auch hier erleben wir sowohl in informellen Gesprächen als auch in den unterschiedlichen Austauschforen ein hohes Maß an Offenheit für Veränderung. In NRW beispielsweise wurden in unterschiedlichen Schleifen und unter breiter Beteiligung von Akteuren aus und um Schule herum, konkreten Fragestellungen, wie etwa der nach der Bedeutung zeitgemäßer Prüfungsformate, intensiv nachgegangen. Das Ergebnis kann sich im Rahmen der durch die KMK-Verordnung gesetzten Möglichkeiten durchaus sehen lassen. Die Landesregierung hat am 28. Mai 2024 per Kabinettsbeschluss ein schulfachliches Eckpunktepapier für die Weiterentwicklung der gymnasialen Oberstufe in Nordrhein-Westfalen beschlossen. Hierin werden unter anderem folgende Aspekte dargestellt: Die Betonung zukunftsrelevanter Kompetenzen, neue Prüfungsformate (Präsentationsprüfung und neu aufgestellte besondere Lernleistung), Einführung eines 5. Abiturfachs, Einführung verpflichtender Projektkurse, die Möglichkeit, Klausuren teilweise durch alternative Prüfungsformate zu ersetzen. Das sind zweifelsohne Schritte in die richtige Richtung. 

Der Blick nach vorn: Umstrukturierung partizipativ gestalten

Die eigentliche Arbeit beginnt aber nun erst. Und dabei ist behutsam vorzugehen. Denn Arbeit gibt es in Schule wahrlich definitiv bereits genug. Schülerinnen und Schüler, genauso wie die Lehrerkollegien, haben Corona noch längst nicht hinter sich gelassen. Digitalisierung, wo sie denn stattgefunden hat, mit der Brechstange, wirft viele neue Fragen auf, die in Ruhe beantwortet werden müssten. Ruhe aber ist in Schule Mangelware. Der existierende und sich verschlimmernde Personalmangel ist dort wenig förderlich. Zudem gibt es neben den innovativen Vorreiterschulen und den linkedIn, bluesky oder sonstigen #twlz – Bubbles auch Gruppierungen, Schulleitungen und viele Kolleginnen und Kollegen, denen ist all dies „Alternative“ suspekt. Sie befürchten etwa eine Absenkung des Niveaus, eine noch weitere Schere zwischen den Schülerinnen und Schülern, die in freieren Formaten gut klarkommen und denjenigen, die schon heute abgehängt sind, und nicht zuletzt eine enorme zusätzliche Arbeitsbelastung. Dies gilt es äußerst ernst zu nehmen und „Warum-Fragen“ sauber zu beantworten. Eine punktuelle Leistung in Form einer Klausur hat auch weiterhin ihre Berechtigung. Soft Skills ohne inhaltliches Wissen und fachliche Kompetenz sind wertlos. Nicht jeder Schülerin / jedem Schüler ist mit mehr Freiheit geholfen und, wenn alle nur noch alternative Podcasts produzieren, wird der Schulalltag kompliziert. Die Wahrheit liegt also, wie so oft, irgendwo in der Mitte und sie wird nur gefunden werden, wenn die Umstrukturierungen partizipativ erfolgen. Dass in den Schritten, die NRW und viele andere Bundeländer nun gehen werden, aber ein großes Potential liegt, das Lernen in unseren zunehmend heterogenen Oberstufen personalisiert, flexibel und ernsthaft kompetenzorientiert zu gestalten, steht für mich außer Frage. Somit kann es gelingen, dass wir zukünftig deutlich gehaltvollere Abiturzeugnisse ausstellen, welche für Universitäten und Betriebe wieder eine echte Aussagekraft und Relevanz haben, weil sie die vielfältigen Kompetenzen der Jugendlichen präzise ausweisen. Damit dieser Transformationsprozess in den Schulen gelingen kann, brauchen Schulleitungen und Kollegien Zeit, professionelle Begleitung und eine gehörige Portion Mut, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern passende Wege zu finden und zu beschreiten. Der Anfang ist gemacht. Die Länder liefern zeitnah rechtliche Grundlagen. Nun heißt es: „Gemeinsam aufbrechen“! 

Der Innovationskongress Oberstufe 2024

Wir werden dies als Bündnis für ein zukunftsfähiges Abitur und als Initiative Flexible Oberstufe weiter begleiten. Den großen Rahmen bilden dazu unsere zweijährig stattfindenden Innovationskongresse Oberstufe, in denen kontinuierlich wissenschaftliche Erkenntnisse geteilt, Praxisbeispiele diskutiert und politische Rahmenbedingungen hinterfragt werden. Zudem haben Schulen dort die Gelegenheit kontinuierlich an ihren Entwicklungsbausteinen zu arbeiten und ein differenziertes Feedback zu erhalten. 

Zum Innovationskongress Oberstufe 2024 in Berlin am 13.09. und 14.09.24 laufen aktuell die Anmeldungen. Wenn Sie, ganz gleich in welcher Funktion Sie dieses Thema bewegt, dabei sein möchten, finden Sie hier alle Informationen und den Anmeldelink.